Blindenfußball: Halbzeitbilanz der Bundesliga-Saison 2017

Die ersten 2 Spieltage der Blindenfußball-Bundesliga sind gespielt. Die vor der Saison neu zusammengewürfelte SG Viktoria Berlin/TSV 1860 München tut sich erwartet schwer, mit den übrigen Teams der Blindenfußball-Bundesliga mitzuhalten und steht nach 4 von 8 Spielen mit 0 Punkten und 0:28 Toren abgeschlagen auf dem 8. und damit letzten Tabellenplatz der Liga.

Doch ganz so dramatisch wie die nackten Zahlen es vermuten lassen dürften, steht es um den Berliner Blindenfußball nicht!

Bereits vor der Saison war klar, dass wir primär zum Lernen und auch das eine andere mal zum „Lehrgeld bezahlen“ antreten werden.

Alles neu macht der Mai – unter diesem Motto sind wir am 27.05. in die diesjährige Blindenfußball-Bundesliga gestartet. Ein radikaler Umbruch im Kader auf allen Positionen, eine neue Spielgemeinschaft, bei der es leider alleine aufgrund der Entfernung nicht möglich war und ist, regelmäßig gemeinsam zu trainieren und tiefgreifende Regeländerungen, die insbesondere auch das Spielfeld und die Größe der Tore betreffen, sorgten als Ausgangsbedingungen von Anfang an dafür, dass klar war, dass wir dieses Jahr eher nicht um die Meisterschaft mitspielen würden können.

Im ersten Spiel am 27.05. gegen den FC Schalke 04 setzte es eine 0:4 Niederlage. Man merkte unserer SG deutlich an, dass sie nicht eingespielt war. Es fehlte an Kompaktheit, Abstimmung und Automatismen. Zudem fielen mit Torwart-Routiner Moritz Klotz und Abwehr-Oldie Hermann Petrick kurzfristig noch 2 wichtige Stützen des Teams verletzungsbedingt aus, so dass wir gezwungen waren, die absoluten Neulinge Matthias Ryschelski (Tor, erst seit Anfang Mai bei uns beim Blindenfußball dabei) und Nasser Alwan ( 14, Verteidigung, seit Dezember bei uns im Training, erstes Spiel unter Wettkampfbedingungen) ins kalte Wasser zu werfen.

Eine Spielszene. Ein Schalker Spieler führt in seiner Spielhälfte den Ball und wird von Nico Rother und Lars Stetten attackiert.  Das saftige Grün des Kunstrasens, die warme Sonne des späteren Vormittags und die dichten, dunkelgrünen Bäume vor einem strahlend blauen Himmel erzeugen einen idyllisches Eindruck. Nur wer ganz genau hinschaut erblickt im Hintergrund zwei "Wannen" der Polizei als kleines Indiz dafür, dass die Umgebung vielleicht doch nicht so still und friedlich sein könnte, wie es der Bildausschnitt weiß macht.
Die Idylle täuscht: Rund um das Spielfeld ging es mindestens so hoch her wie auf dem Platz.

Das 2. Spiel des Tages ging gegen den Rekordmeister MTV Stuttgart um Nationalmannschafts-Kapitän Alexander Fangmann mit 0:8 noch deutlicher aus, war aber insgesamt viel enger, als es das Ergebnis vermuten lässt. Edis hatte 2 Aluminumtreffer und vergab einen 8-Meter – auf der anderen Seite ging bei Stuttgart einfach jeder Ball rein. Statt eines engen 3:4 oder 5 stand so unter dem Strich eine herbe Klatsche. Gerade zu Ende des Spiels hatten unser Jungs auch mit der ungewohnt lauten Geräuschkulisse auf dem Olympischen Platz direkt vor dem Olympiastadion zu kämpfen, der sich mehr und mehr mit BVB- und Frankfurt-Fans füllte, die auf dem Weg zum DFB-Pokalfinale waren.

Insbesondere unsere 2 Youngster Nico Rother (12) und Nasser Alwan (14) schlugen sich gegen die gestandenen Bundesliga-Kicker von Schalke und Stuttgart aber beeindruckend und machten Hoffnung für die Zukunft.

Eine Spielszene während einer Spielunterbrechung. Ramon Pryssok steht unmittelbar hinter dem Ball und wartet auf die Freigabe des Freistoßes. Nico Rother steht hinter ihm um den Ball anzutippen. Schräg rechts hinter ihnen steht ein Schiedsrichter, der zur Seite blickt und den Arm hebt. Am rechten Bildrand im weiteren Hintergrund steht Torwart Mathias im Tor der Spielgemeinschaft und beobachtet die Szene.  Der Ball liegt unmittelbar neben der Bande. Das Foto ist längs der Bande aufgenommen. Dadurch sieht man in der Bildmitte die Flucht der Bande und links von ihr abgestellte Utensilien.   Dabei verläuft die Bande von einem Punkt ungefähr in der Mitte des unteren Bildrands halb diagonal nach links oben. Fast vom selben Punkt verläuft eine imaginäre Linie, die von den äußeren Umrissen von Ramon und dem Schiedsrichter gebildet wird, diagonal nach rechts oben. Dadurch erzeugt die Bildkomposition den subtilen Eindrucks eines "V".
Nico Rother und Ramon Pryssok bereiten sich auf die Ausführung eines Eckballs vor.

Am 2. Spieltag in Dortmund am 10. und 11. Juni standen dann mit dem amtierenden Meister Marburg und der hochveranlagten und ambitionierten Truppe vom FC. St. Pauli zwei absolute Kracher für uns auf dem Programm. Während in der ersten Partie bei Marburg Nationalstürmer Ali Pektas nach überstandenem Kreuzbandriss ein furioses Comback gab und 5 Tore erzielte, fiel unser Nationalstürmer Edis mit einer im Abschlusstraining zugezogenen Wadenverletzung leider für das gesamte Spielwochenende aus. Auch Abwehr-Routinier Lars Stetten als letzter verbliebener Spieler im Berliner Kader mit Bundesligaerfahrung musste sich angeschlagen durch die Spiele schleppen. Er hatte sich am 1. Spieltag gegen Stuttgart einen Nasenbeinbruch zugezogen.

Gegen den Meister aus Marburg verloren wir so 0:7. Gegen St. Pauli musste dann sogar Trainer Oliver Heise wieder die Schuhe schnüren und als Einwechselspieler versuchen, die Mannschaft zu stabilisieren. Wirklich helfen konnte er aber der bei sommerlichen Temperaturen auch konditionell völlig ausgelaugten Rumpftruppe auch nicht, so dass am Ende gegen eine teilweise wie entfesselt aufspielende St. Paulianer Mannschaft ein 0:9 zu Buche stand.

Aber – und das mag jetzt trotz des zuvor geschilderten bisherigen Saisonverlaufs wenig glaubhaft klingen – es geht aufwärts mit uns!

Unser neuer Torwart Matthias verbessert sich von Training zu Training. Es ist nicht wirklich einfach, sein Tor sauber zu halten, wenn man nur einen 2-Meter-Raum hat und gleichzeitig noch die eigenen, selber nicht eingespielten Abwehrspieler guiden muss.

Auch unser Hoffnungsträger Nico entwickelt sich prächtig. Gegen Marburg und St. Pauli musste er teilweise notgedrungen in die Rolle des Sturmtanks schlüpfen und den Ball gleich gegen 2 oder 3 gestandene, erwachsene Gegner behaupten oder erkämpfen. Wie er das mit seinen 12 Jahren tat und so selbst gestandene Nationalspieler das ein ums andere Mal ins Schwitzen brachte, war große Klasse und auch unsere Gegner waren voll des Lobes für unseren „kleinen“ Kämpfer.

Zudem wächst unsere Berliner Trainingsgruppe kontinuierlich. In den letzten Wochen kamen mit Lisa, Bianca, Mohammed und Fabian gleich 4 Neue dazu und waren sofort Feuer und Flamme für unser rasselndes Leder.

Auch haben wir es endlich geschafft, eine 2. Trainingszeit – Montags ab 18 Uhr im Käfig am Stadion Lichterfelde – zu etablieren. Zwar ist der Platz ein wenig zu klein und wir können nicht auf die in der Liga verwendeten Hockeytore trainieren, aber ein regelmäßiges Training draußen auf Kunstrasen ist gerade für die Entwicklung der jungen Spieler und deren Gewöhnung an die Platzverhältnisse und die Geräuschkulisse unverzichtbar!

Neben Matze suchen wir aber noch immer einen neuen Torwart und auch einen weiteren Guide zur Verstärkung unseres Teams! Auch weitere blinde oder sehbehinderte Feldspieler sind jederzeit herzlich willkommen, damit wir nächste Saison wieder so richtig mitmischen können in der Blindenfußball-Bundesliga!